Rem Koolhaas – A Kind of Architect

8 08 2008

DVD über Rem Koolhaas

124 min

Prod. 2005, erschienen 2007

Produktbeschreibung:

Kaum ein Architekt hat in den letzten Jahren außerhalb der Architekturszene für so viel Aufsehen gesorgt wie Rem Koolhaas. Dem Holländer ging es nie um das einzelne „masterpiece“, sondern stets darum, zu provozieren und Spannung zu erzeugen. Die Seattle Library, die Casa da Música in Porto oder die Niederländische Botschaft in Berlin sind eindrucksvolle Beispiele einer Architektur, die mehr sein will als bloße Architektur. Die Bedeutung und das internationale Renommee des „Architekturdenkers“ (Der Spiegel) bezeugen eine Professur an der Harvard-Universität und die Verleihung des Pritzker-Preises im Jahr 2000. Die Jury würdigte Koolhaas als „Visionär und Ausführer, Philosoph und Pragmatiker, Theoretiker und Prophet“.

((www.amazon.de))

Comment

I’ll be watching the DVD this weekend and I’m already excited about it. Read positive critics, but also that there’d be some comments on „morality“ and his CCTV Tower in Beijing. Sounds promising.

I’ll get back to you about the film!





Moral in der Architektur? (CCTV-Tower Peking)

19 05 2008

Ein weiterer Artikel zur Frage nach der Moral in der Architektur erschien am ersten Mai-Wochenende in der Süddeutschen: hier.

„Die Moral am Bau: das scheint ein bewegliches, auf interessante Weise schillerndes Gut zu sein.“

Im Mittelpunkt des Artikels steht die Besprechung des Pakinger CCTV-Towers – CCTV steht übrigens für „China Central Television“, nicht für Closed Circuit… – von Koolhaas’ OMA.

Der Bau ist eine architektonische Meisterleistung: wie eine in sich verdrehte Endlos-Röhre erhebt er sich, getragen von einem den Baukörper umhüllenden Netz. Der CCTV-Tower ist ein „komplex organisiertes Gebilde, das die Geschichte der hohen Häuser um ein intelligentes Kapitel bereichert.“ Das Hochhaus ist unhierarchisch gegliedert – das Loop als Symbol für eine offene Gesellschaft?? Lässt sich eines der derzeit teuersten Projekte wirklich so einfach verkaufen??

Denn der CCTV-Tower ist aber auch das Hauptquartier des chinesischen Staatsfernsehens, „ein Medium also, das wie kein anderes dazu bestimmt ist, Macht auszuüben: die Macht der Fernsehbilder.“ Hier wird produziert, was ein Sechstel der Weltbevölkerung an medialen Informationen erhält und somit beeinflusst, wie es sich über was eine Meinung bildet.

Ergänzt wird der Artikel durch ein Interview mit dem Bauleiter des CCTV-Towers, dem gebürtigen Karlsruher Ole Scheeren; das Interview ist allerdings nicht im Internet verfügbar. Über die Haltung OMAs oder zumindest Scheerens zur Frage nach der Moral in der Architektur wird hier allerdings nichts ausgesagt (und dies liegt nicht an den Fragestellungen des Interviewers).

Ein weiterer Artikel zum CCTV-Tower sowie anderen Bauprojekten in Peking und v. a. zu den Umständen des Baus, findet sich in der FAZ, hier (auch mit einigen Fotos von der Baustelle).

Ein ausführlicher Essay zum Thema (mit Reflexionen zu Koolhaas’ Bigness-Theorie) von Knut Birkholz außerdem hier.





Wie viel Moral braucht die Architektur?

11 04 2008

Hanno Rauterberg fragt in der Zeit „Wie viel Moral braucht die Architektur?“.

Zentrales Thema sind – wieder – China und seine Prestigeprojekte, die von internationalen Architekten errichtet werden. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund der Tibet-Situation und dem Olympia-(Nicht)Boykott fordern, so der Artikel, immer mehr Architekten, nicht mehr für China zu arbeiten.

Andere wie Albert Speer jr. betonen dagegen, dass der Architekt ein „Dienstleister“ sei und tatsächlich:

„Nüchtern betrachtet, sind Architekten nichts anderes als Geschäftsleute. Sie verkaufen keine Waffen und keine Betäubungsmittel, sie handeln mit Entwürfen, wie andere mit Autos oder Schmuck handeln. Und von diesen Auto- oder Schmuckhändlern wird schließlich nicht erwartet, dass sie ihre Geschäfte mit China oder anderen Autokratien kritisch reflektieren. Warum also sollte man es von Architekten erwarten?“

Oder sollte man nicht eher von den Auto- und Schmuckhändlern AUCH erwarten, dass sie ihre Geschäfte wenn nicht moralisch, so doch kritisch reflektieren?

Architektur ist natürlich etwa anderes als Autos oder Schmuck, führt Rauterberg weiter aus, und hat andere Möglichkeiten und – sofern sie gelungen ist – andere Bedeutung für die Menschen. Sie kann natürlich dem Prestige dienen, sie kann aber auch (ganz allgemein gesprochen) Lebensraum gestalten (ein Beispiel dafür der Urban Think Tank, auf den ich noch einmal eingehen werde).

Interessanterweise werden die neuen Bauten von vielen Chinesen als „unchinesisch“ empfunden. Zur „ungeteilten Glorifizierung taugen sie nicht“, so Rauterberg.

Rauterberg wirft einige interessante Fragen dieser Problematik auf, die sich nicht einfach beantworten lassen:

„Wo beginnt das Unrecht? Wo genau wird der Architekt mitschuldig? Darf er im semidemokratischen Russland bauen? In den autokratischen Arabischen Emiraten? Und wie wäre es mit einem Staatsauftrag aus den USA, solange diese noch das Gefangenenlager in Guantánamo betreiben? Muss ein Architekt, polemisch gefragt, erst mit amnesty international telefonieren, bevor er sich an einem Wettbewerb im Ausland beteiligt? Es zeigt sich: Auch in der Architektur ist die Frage nach der Moral oft reichlich verzwickt.

Und noch eine Grenze lässt sich nur schwer bestimmen: Wann und wie wird der Architekt tatsächlich zum Handlanger und Verherrlicher? Muss er dem Diktator ein persönliches Denkmal setzen? Oder reicht es schon, für dessen Land eine Brücke oder eine Straße zu bauen?“

Noch eine abschließende Bemerkung:

Bauen in nicht-demokratischen Systemen – ohne gäbe es kein Versailles, kein Kolosseum, keine Pyramiden, weiß Rauterberg. Und damit hat er recht.

Zwar rechtfertigt das historische Argument nichts. Bloß weil ein Louis XIV. vor 400 Jahren die Möglichkeiten hatte, sein Traumschloss durchzusetzen, bedeutet das nicht, dass die Baumeister heute widerspruchslos in ähnlichen Großprojekten mitmachen können/dürfen/müssen.

Aber es setzt das Ganze in Relation – nur weil ein nicht-demokratischer Staat bauen lässt, sind die Resultate dadurch noch nicht „schlecht“. (Nach welchen Maßstäben freilich ein gelungener Bau zu beurteilen ist, ist eine andere Frage.)

Womit wir allerdings wieder am Anfang angelangt sind:

Moral in der Architektur – das ist keine architekotnische Frage, sondern eine – moralische, die sich nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ beantworten lässt. Und die beschränkt sich nicht auf die Architektur-„Dienstleister“ allein, sondern auf alle „Dienstleister“.





Architektur in China

2 03 2008

Der Spiegel hat vor einiger Zeit online eine Debatte angestoßen über die Verantwortung von Architekten, wenn sie in nicht-demokratischen Ländern wie China, Vietnam, Libyen bauen. Bei diesen Projekten geht es natürlich nicht um ein oder zwei Einfamilienhäuser, sondern um Mammutprojekte, bei denen Milliarden verbaut werden: Regierungsgebäude, repräsentative Niederlassungen, sogar ganze Stadtviertel. Die jeweiligen Machthaber wollen sich mit modernen Gebäuden schmücken und ihren Städten ein neues, repräsentatives Gesicht verpassen. Für Architekten und Stadtplaner eine fast schon ideale Herausforderung.

Allzu oft gehen diese Baumaßnahmen auf Kosten der traditionellen Landeskultur – in China ist der Bauboom schon geradezu sprichwörtlich geworden: Das Gesicht der Städte verändert sich beinahe im Wochenrhythmus. Man kann den Häusern beim Wachsen zuschauen, während die traditionelle Seite des Landes verschwindet. Altstädte? Wozu? Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Dimension, die manche Bauprojekte nach sich ziehen (Umquartierungen, Totalabrisse bestimmter Viertel, Ausbeutung von Wanderarbeitern, … ich bin hier nur oberflächlich informiert, freue mich aber, wenn jemand mehr Details kennt).

Wie viel Verantwortung trägt der Architekt für seine Entwürfe? Oder genauer (und dieser Aspekt fehlt im Spiegel-Artikel ganz) – Hat ein Architekt für seine Tätigkeit in nicht-demokratischen Ländern mehr Verantwortung, als die Firmen, die ihre Produktion zu Billigpreisen in eben diese Länder verlagern?

Dennoch – soweit, so treffend die Stoßrichtung des Artikels. Leider nimmt sich der Autor selbst den Wind aus den Segeln, indem er seine Kritik selbst einschränkt: Er packt nämlich den „Speer-Faktor“ aus und wirft ausschließlich den deutschen Architekten vor, sich vor der Verantwortung zu drücken.

800px-beijing_national_stadium.jpg Herzog & De Meuron: Nationalstadium Peking (H&dM haben keine eigene Website(!) )

Die anderen Länder stünden nun mal „nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen“. Weil Albert Speer Germania geplant hat, haben die deutschen Architekten also Pech gehabt, dass sie nicht aus Holland kommen (Rem Koolhaas und OMA: CCTV Peking; Shenzen Börse, Shenzen/China) oder aus der Schweiz (Herzog und de Meuron: Nationalstadion Peking. In Deutschland bekannt: Allianz Arena München)?

koolhaascctv-peking1.jpg koolhaascctv-peking2.jpg Rem Koolhaas/OMA:CCTV (China Central Television), Peking

Im Zeitalter der Globalisierung also wieder zurück in Kleinstaaterei und jeder kocht sein Süppchen und die Deutschen ab in die Ecke?

Schade, dass ein ohne Frage heikles Thema erst angestoßen wird und dann wieder mit dem historischen Allzweckvorwurf außer Kraft gesetzt wird.
Der Autor zitiert selbst Hans Stimmann[1], der meinte „Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen“. Spannender sei die Frage „Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft?“

Na also.

Meinhard von Gerkan hat am 24.02.08 auf den Vorwurf reagiert und einen Kommentar im Spiegel online veröffentlicht. Sein Hamburger Büro gmp (Gekan, Marg und Partner) arbeitet in Hanoi an mehreren Projekten und errichtet Lingang New City (China), eine Satellitenstadt bei Shanghai für rund 800.000 Einwohner (soll 2020 fertig gestellt werden).

bild1119882535463.jpg Lingang New City, Shanghai

In Deutschland ist von Gerkan vor allem „der vom Berliner Hauptbahnhof“ – auch kein besonders einfaches Bauprojekt.[2] Wenig überraschend deutet er denn auch an, dass in Berlin auch nicht „demokratischer“ gebaut würde als etwa in China.

Gerkan weist ebenfalls v. a. darauf hin, dass man „nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen“ kann. Weiter sagt er, es sei „Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen“.

Zwar hakt auch seine Argumentation an manchen Stellen (darauf komme ich noch zurück), aber seine wesentliche Kritik ist überzeugend.

Also (ein paar Gedanken zum Abschluss) / So (some thoughts):
Grundsätzlich nötig ist Sensibilität für die Globalisierungsbestrebungen nicht-demokratischer Staaten (ich sage bewusst nicht Diktaturen, weil damit auch wieder eine pauschale Schublade aufgemacht wird) – und dies gilt nicht nur für Architektur-Unternehmungen, sondern generell auch für Wirtschaftsbeziehungen (Stichwor:t China).
Bascially necessary is sensibility for the efforts in globalization of non-democratic states (I am intentionally not using the word dictatorship as this would just be another generalization) – and this concerns not only architectural enterprises, but all economic relationships in general (key word: China).

Speziell für den architektonischen Aspekt gilt, sich bewusst zu machen, welche Bedeutung Bauten zukommt (und das sicher nicht nur in China): Gebäude prägen wesentlich unsere Lebenswelt. Die Art und Weise, wie ein Bau gestaltet ist, beeinflusst maßgeblich das, was darin passiert – und damit letztendlich auch eine Kultur.
Meinhard von Gerkan jedenfalls betont, dass viele Architekten „an einer besseren, lebenswerteren Welt mit[]bauen“ wollen – und das ebenso in nicht-demokratischen Ländern wie in demokratisch regierten.

Regarding architecture in particular, it is important to realise what buildings mean (and certainly not only in China): buildings fundamentally affect our lifeworld.  The way an edifice is featured influences significantly what is happening inside the building – and  thus, ultimately,  culture, too. Meinhard von Gerkan stresses that many architects want to „create a better world, being more pleasant to live in“ – and this both in non-democratic and democratic countries.


[1] Hans Stimmann war seit Anfang der 1990er Jahre bis 2006 fast ununterbrochen Senatsbaudirektor in Berlin und hat den Auf/Umbau Berlins nach der Wende wesentlich mitbestimmt – nicht unumstritten: bestimmte Vorgaben wie einheitliche Traufhöhen und Einsatz von Steinfassaden haben sehr großen Protest hervorgerufen, auch der Faschismusvorwurf fiel.

[2] Zur Erinnerung: Vom Auftraggeber DB wurden verschiedene Merkmale des Baus verändert (die Gesamtlänge des Hallendachs wurde verkürzt, für die Decken der unterirdischen Bahnsteige wurde eine Flachdecke eingebaut statt der geplanten gewölbeartigen Konstruktion; letzteres ohne Absprache mit dem Architekten).