intermedia 69 – Christo (ohne Jeanne-Claude) in Heidelberg

15 02 2009

Ein Projekt, das bei Besuchern immer wieder ungläubige Blicke  und Erstaunen hervorruft, ist die Intermedia 69 – und insbesondere die Tatsache, dass im Rahmen dieser intermedia 69 die spektakuläre Verhüllung des Berliner Reichstags in Heidelberg quasi vorweggenommen wurde:  Christo hat das Heidelberg DAI (Deutsch-Amerikanisches Institut) eingepackt.

Dear English readers – I’m reporting about a project in Heidelberg which is only little known to most visitors, but inhabitants as well: it’s the fact that during a festival in 1969 – intermedia 69 – „wrapping artist“ Christo wrapped up a building in Heidelberg. If you like to know more about it, please let me know as I provide the information in German only.

DAI Heidelberg wrapped...

...and without wrapping

...and without "wrapping"

intermedia 69

Veranstaltet wurde die intermedia 69 von Klaus Staeck und Jochen Goetze  in Reaktion auf eine Veranstaltung des Heidelberger Kunstvereins, der für Mai 1969 geplanten Jubiläumsausstellung „Plastik der Gegenwart“, die den Begriff der Gegenwart „nach damaliger Heidelberger Sicht nicht gerade gegenwartsnah interpretiert“ wurde. Staeck, damals noch Außenseiter des professionellen Kunstbetriebs, wollte mit seinem Freund Goetze einen alternativen Ausblick auf die Kunst der 1970er werfen.

Klaus Staeck ist heute bekannt für seine Edition Staeck. Seit 2006 wurde er zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste gewählt.

Dr. Jochen Goetze war Dozent im Historischen Seminar Heidelberg; durch ein Seminar bei ihm habe ich erstmals von der intermedia 69 erfahren und an einem Doku-Projekt darüber mitgearbeitet. Die Informationen sowie die Abbildungen stammen großteils von dieser Seite.

Eingeladen haben sie alle, die ihrer Meinung nach für die damalige Gegenwartskunst wichtig waren: Joseph Beuys, Dick Higgins, J. J. Lebel, Daniel Spoerri, Robert Filliou, George Brecht, Ben Vautier, Diter Roth, Nam June Paik, Takis, Kantor, Palermo, Reiner Ruthenbeck, Katharina Sieverding, Milan Knizak, LIDL, Günther Uecker, Klaus Rinke, Günter Weseler, Jochen Gerz, KP Brehmer, Sigmar Polke, Herbert Distel, Jan Dibbets, Mauricio Kagel, Many Neumeiers Guru-Guru-Band – und fast alle kamen denn auch zu einem der letzten großen Happening/Fluxus/Performance-Ereignis.

Einer der Gäste war Verpackungskünstler Christo, der zunächst ein Studentenwohnheim verhüllen wollte. Da dies jedoch mit größten organisatorischen Problemen verbunden war – der zwölfstöckige Bau hätte aus bau- und feuerpolizeilichen Gründen während der Aktion nicht mehr genutzt werden können -, wurde ein älterer Vorschlag wieder aufgegriffen: das Heidelberger Schloss sollte verpackt werden, eine Idee, die „bei allen Verantwortlichen jähes Entsetzen aus[löste]„, wie Staeck erzählt (Klaus Staeck: Ohne Auftrag. Unterwegs in Sachen Kunst und Politik. Steidl Verlag Göttingen 2000).

So wurde schließlich entschieden, das Amerika-Haus in einer 24-Stunden-Non-Stop-Aktion zu verpacken.

Doch auch damit waren noch nicht alle Probleme vom Tisch, wie Staeck anschaulich erzählt (Suche nach dem Material, das auch die feuertechnischen DIN-Vorschriften erfüllte, Ablauf der Aktion am 15. Mai (Christi Himmelfahrt bzw. Vatertag) , Schwierigkeiten beim Abrollen der Bahnen und dem Befestigen mit Draht und Nylonseil, die aufgebrachten Reaktionen der Menge…

Dennoch, so Staeck: „Die Bandage glich auch nach Mitternacht mehr einem Notverband mit vielen vergessenen Flächen als einer perfekten Umhüllung. Ein Hauch von Trauer, von Verwundung lag über der Szene: keine stolze, heroische Geste – eher ein hilfloses Signal von Verletzbarkeit. Wahrscheinlich war es Christos unvollkommenstes Werk. Es passte aber wie kein anderes in die Zeit und schuf so eine Faszination, die der Perfektion nur selten gelingt.“

Drei Tage blieb das DAI verhüllt und trotzte Protest-Graffitis, Zündel-Aktionen, Abreiß- Versuchen.

Christo selbst „kommt allerdings auf sein unvollendetes Frühwerk bis heute nur ungern zu sprechen“, in den offiziellen Werkverzeichnissen wird es nicht gelistet. Ein Grund könnte sein, dass Jeanne-Claude damals nicht in Heidelberg beteiligt war.

Mehr zu Christo zu Jeanne-Claude….

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Christo und Jeanne-Claude

Eine Skizze zum Werk Christos habe ich im Rahmen des genannten Projekts für die Webseite zur intermedia 69 geschrieben, das ich hier noch einmal poste:

((Auf der Webseite findet sich neben der Werkskizze auch eine Biografie und eine Linksammlung, die ich zusammengestellt habe – allerdings Stand 2004.))

Die Kunst Christos und Jeanne Claudes ist ein untrennbarer Verlauf von Vision, Realisation, Imagination und Erinnerung:

Vision:
Den Beginn der Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude bilden Visionen, gedachte Bilder, erfundene Realitäten, die zu neuen Wirklichkeiten führen, frei von allen enigmatischen Irritationen, weil denkbar und durch die vorgefundene Realität vorformuliert.

Wolfgang Volz ©1995 Christo

Wrapped Reichstag, Project for Berlin, Collage, 1995

Imagination: Christo und Jeanne Claude als Grafiker
Alle Projekte werden auf dem Papier entworfen, aufgezeichnet und weiterentwickelt. Dabei steht jedoch nicht die Suche nach immer neuen grafischen Ausdrucksformen im Mittelpunkt. Vielmehr sind Christos Zeichnungen Vorstufen eines dreidimensionalen Zeichnen, das Christo und Jeanne Claude an ihren realen Projekten ausführen. Linien und Schatten werden in den Verhüllungen durch Stricke und Stoff wirklich und führen zu einer neuen und bisher nicht gedachten Realität.

Realisation:

Surrounded Islands, Miami, Florida 1980-83

Surrounded Islands, Miami, Florida 1980-83

Die Objekte werden verhüllt, verschnürt, verdeckt und sind so den Blicken entzogen. Gerade bei den frühen Objekten wird durch die Verpackung das Interesse auf den verborgenen, erinnerten Inhalt gelenkt, der zwar nicht real sichtbar ist, aber sich doch erahnen lässt (anders als Popart). Diese Verfremdung steigert sich in den Monumentalprojekten. Eigentlich an sich nicht veränderbare, räumlich feste Gegenstände/Bauwerke, die unveränderbare Bestandteile der alltäglichen Sehgewohnheiten zu sein scheinen, werden durch ihre Verhüllung dem Blick entzogen, entrückt, der Normalität entzogen, zu einem besonderen und vergänglichen Ereignis gestaltet.

Erinnerung: „Ich suche die eigenwillige Schönheit des Nichtdauerhaften“:
Diese Ereignishaftigkeit von Christos und Jeanne-Claudes Werken – Taten? – stellt sich den (Seh-)Gewohnheiten der Gesellschaft entgegen, die überflutet wird von sich ständig wiederholenden Invitationen, Reizen, angenäherten Realitäten. Der Reiz des Einmaligen stellt sich auch gegen das Bedürfnis der Menschen nach Beständigkeit, die sie von Kunstwerken fordern, die „ewig“ zu bestehen haben sollen. Christos und Jeanne Claudes Werke dagegen leben eigentlich von der Erinnerung. Erst das Ende, die endgültige Auflösung ihrer „Zeichnung“ bedeutet Vollendung.

The River, Project For Arkansas River, State of Colorado Drawing 2007

In Planung: The River, Project For Arkansas River, State of Colorado Drawing 2007

Die geplante Folge von Realisation und Erinnerung – in Fotografien etc. – ist wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks Christos und Jeanne-Claudes, das sich nicht allein auf das sichtbare Objekt beschränkt. Entwurf, Verwirklichung, Vergehen und Zerstörung sind im Werk beider untrennbar aneinandergekettet.


Abbildungen Christo:

Christo, Wrapped Reichstag, Project for Berlin, Collage, 1995, 35,5 X 56 cm, pencil, enamel paint, wax crayon, photograph by Wolfgang Volz, charcoal, map, fabric sample and tape, Photo: Wolfgang Volz ©1995 Christo

Christo and Jeanne-Claude, Surrounded Islands, Miami, Florida 1980-83, Photo: Wolfgang Volz, ©1983 Christo

Christo, Over The River, Project For Arkansas River, State of Colorado, Drawing 2007, In two parts: 38 x 244 cm and 106,6 x 244 cm, Pencil, pastel, charcoal, wax crayon, enamel paint, fabric sample, hand-drawn technical data and topographic map and tape, Photo: Wolfgang Volz ©2007 Christo. Ref. 60



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