Vitra Fire Station
Das erste realisierte Gebäude von Zaha Hadid ist die Vitra Fire Station in Weil am Rhein, das 1993 nach drei Jahren Planungs- und Bauzeit fertiggestellt wird. Zwischen dem ersten aufsehenerregenden Erfolg der Architektin mit dem Hongkong Peak-Entwurf 1983 und dem ersten tatsächlich errichteten Bau liegen damit 10 Jahre.
Das Vitra-Gelände
Das spektakuläre Feuerwehrhaus für das Werkgelände der Designfirma Vitra ist mittlerweile zu einem der zahlreichen Architektur-Denkmäler der Region avanciert: Hadid ist nicht die erste und nicht die einzige Architektin, die auf dem Vitra-Gelände einen innovativen Bau errichten konnte. Auch Frank O. Gehry hat hier 1989 sein erstes Gebäude in Europa vollendet, das Vitra Design Museum (mehr hier).
Mittlerweile hat das mutige Architekturkonzept der Firma Vitra einen einzigartigen Architekturpark in Weil am Rhein entstehen lassen. Seitdem die Werksfeuerwehr aufgelöst wurde, wird Hadids Feuerwehrhaus als Teil des Firmenmuseums genutzt.
Beschreibung der Vitra Fire Station
Der zerklüftete Betonbau mit seinen scharfen Kanten und Zacken wirkt wie eine in der Bewegung erstarrte Explosion. Das langgezogene, leicht geknickte Gebäude setzt sich aus einer Reihe von schrägen, gestaffelten Trennwänden zusammen, in die das Raumprogramm eingefügt wird. Besonders auffallend ist die aus einer spitzen, nach oben gebogenen Platte gebildete Decke des Ensembles, die jeden Moment abzuheben scheint. Wie der Peak-Entwurf ist auch dieses Gebäude nicht aus einem Volumen gebildet, sondern wirkt wie ein zufälliges Zusammentreffen von mehreren flachen, keilartigen Scheiben. Die verzerrte, nach hinten zu sich verjüngende Form, die bei der perspektivischen Darstellung von Quadern eingesetzt wird, ist wesentliche Gestaltungsform.
Die Reduktion der suprematistischen Staffelung von einzelnen Raumteilen, wie bereits beim Peak beobachtet werden konnte, wird noch weiter getrieben: Die flachen, angeschrägten Scheiben erschließen sich ihren eigenen Umraum, ohne ein im klassischen Sinne raumgreifendes Bauwerk zu bilde. Allein aus der Bündelung der Scheibenelemente entsteht Räumlichkeit.
Das nötig Raumprogramm wird in die Zwischenräume gesetzt, die Kanten zwischen den Betonwandscheiben sind (stellenweise) unverbunden.
Darüber hinaus kommt noch eine weitere dynamische Qualität hinzu: Indem Raum nicht mehr eingeschlossen, sondern nur noch umgrenzt wird, entsteht der Eindruck eines Umleitens von Bewegung, von Offenheit und Flexibilität. Diese Wirkung besteht auch im Inneren des Feuerwehrhauses, das als ein räumliches Kontinuum ohne trennende Wände von einem Ende zum anderen überblickt werden kann.[1] Obwohl aus Sichtbeton erscheint der Bau sehr leicht.
Erläuterung
Diese komplexe Formgebung erläutert Hadid in dem kurz gehaltenen Begleittext zur Vitra Fire Station kaum. Stattdessen stellt sie Überlegungen zu einem Gesamtplan für das Fabrikgelände an, die etwas über die Hälfte des Textes einnehmen – schon dadurch wird die besondere Bedeutung dieser Gedanken deutlich: Hadid plant von Anfang an mit dem Blick auf eine künftig mögliche zusammenhängende Gliederung des Geländes. Ihr Konzept will eine dynamische Richtungsvorgabe sein:
Das Feuerwehrhaus am nordöstlichen Rand des Firmengeländes bildet einen Eckpunkt, einen Rahmen für eine künstliche Landschaft, die sich schrittweise entwickeln soll. Die (noch zu entstehenden) Bauten sollen zu Objekten in einem umbauten Raum, ähnlich Möbeln in einem großen Zimmer werden. [2]
Die Idee der Verbindung von Umraum und Gebautem spielt eine fundamentale Rolle in der Gestaltung eines Entwurfs. [3]
Wie schon beim Hongkong Peak-Entwurf finden sich auch hier Elemente von Hadids visionärem, auf Fortschritt und Experiment ausgerichtetem Architekturverständnis wieder. Verändert haben sich einige formale Gestaltungsmittel, die weiterentwickelt wurden, ganz so, wie es dem Forderungen der Architektin an eine Architektur in Bewegung entspricht.
Fazit
Tatsächlich wirkt die Vitra Fire Station auch vor Ort sehr beeindruckend. Obwohl aus Sichtbeton, wirkt der Bau verblüffend leicht. Der Innenraum erscheint in einer fließenden Bewegung und ist von einem Ende zum anderen „durchschaubar“ (leider ist es vor Ort nicht erlaubt im Innenraum Fotos zu machen).
Theoretische Gestaltungsidee und praktische Realisierung treffen in der Vitra Fire Station gelungen zusammen. Dass dem nicht immer so sein muss, zeigt ein weiterer Hadid-Bau in Weil am Rhein: LF one.
Übrigens: Wie praktisch die Fire Station tatsächlich war als Werksfeuerwehr – so waren etwa keine Trennwände in den Umkleideräumen vorgesehen (wurden aber nachträglich eingefügt) –, soll hier offen gelassen werden. Fakt ist, dass der Bau tatsächlich als Werksfeuerwehr genutzt wurde. Erst seit diese geschlossen wurde, wird das Gebäude als Ausstellungsfläche genutzt – und nicht etwa umgekehrt.
[1] Dies gilt für das Erdgeschoss; darüber ist in einem kleineres Geschoss ein Aufenthaltsraum mit Terrasse untergebracht, der ebenfalls wie (nur durch Glaswände geteiltes) ein Kontinuum wirkt.
[2] Hadid, Zaha, Vitra. Fire Station, Ausstellung Mai 1992. Aedes Galerie und Architekurforum, Berlin (Ausstellungskatalog), Berlin 1992.
[3] Gestaltet wird auch das Gelände direkt um das Feuerwehrhaus mit Gras-, Kies- und Asphaltflächen.





























