Hadids Beitrag zur Dekonstruktivismus-Ausstellung

Zaha Hadids Beitrag zur New Yorker Dekonstruktivismus-Ausstellung 1988 war der Entwurf für einen luxuriösen Privatclub auf dem Hongkong Peak, dem bekanntesten Berg auf Hongkong Island. In diesem Projekt, das sie mit einem Schlag in der Architekturwelt bekannt gemacht hat, werden wesentliche Ideen und Zielsetzungen ihres Schaffens programmatisch zusammengeführt.
Der Entwurf wird begleitet von einem kurzen Erklärungstext, der hauptsächlich aus einer Beschreibung des entworfenen Baus mit seinen Funktionen besteht. Dennoch finden sich einige wenige und daher umso bedeutsamere Schlüsselbegriffe, die dem aufmerksamen Leser Hinweise auf Hadids ideelle Ausgangspunkte geben.
Entwurf des Hongkong Peak
Der Peak-Entwurf besteht aus drei sich überlagernden, gegeneinander verschobenen Balken mit unterschiedlichen Funktionen. Diese Balken wurden abstrahiert von den Hochhäusern der Stadt, die sich um den Hongkong Peak ausdehnt, wie in verschiedenen Zeichnungen deutlich wird. Die durch die Schichtungen entstandenen leeren Zwischenräume werden in das Bauprogramm integriert, so dass fünf Geschoss-Ebenen entstehen, die durch dünne Säulen zusammengehalten werden. Freitragende Vorsprünge, Rampen und Plattformen gliedern den Baukomplex wie einen „horizontalen Wolkenkratzer“. Die eigentliche Clubanlage, zu der ein Schwimmbad, eine Bibliothek, Trainingsflächen und eine Snack Bar gehören, ist im Hohlraum zwischen dem zweiten und dritten Balken vorgesehen und befindet sich zum großen Teil unter freiem Himmel. Damit wird ein Leerraum – ein Void – in den Bau integriert. Streng genommen handelt es sich dabei eigentlich um einen Nicht-Raum, das der Leerraum nicht von Wänden definiert ist, sondern sozusagen ein „Reststück“ zwischen zwei Bauteilen ist. Hadid schafft so neue Raumqualität: Sie dringt über die Grenzen eines gewöhnlichen Gebäudes hinaus und lässt die Trennung von Außen und Innen, von Gebäude und Umgebung zerfließen – im Leerraum entsteht in ihren Worten eine neue architektonische Landschaft.

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Der Peak unterscheidet sich deutlich von den klassischen Bauten, die einen geschlossenen Baukörper haben. Für die Ausstellungsmachern Johnson und Wigley ist es dies, was Hadid zur Dekonstruktivistin werden lässt: in ihren Augen wird die traditionelle, geometrische Bauharmonie „gestört“, „zerstört“. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz, da die komplexen Zielsetzungen, Ideen und Überlegungen, die Hadids Gestaltungsweise zugrunde liegen, nicht berücksichtigt werden. Die konkrete formale Lösung ist die Architektin ebenso wenig vorrangig, wie für alle anderen an der Ausstellung beteiligten Architekten.
Planetary Architecture
Der Entwurf für den Peak-Club erinnert an einen unbekannten Flugkörper, der über dem Berghang schwebt, am Gestein entlanggleitet und zugleich aus diesem herausströmt – ein verblüffender Effekt, da Architektur traditionsgemäß statisch und in sich geschlossen wirkt. Diese Assoziationen werden von Hadid bewusst geweckt; in ihrem Begleittext verwendet sie mehrere Begriffe aus dem Bereich des Fliegens und der gleitenden Bewegung (float, hover, satellite, spaceship).
Es entsteht, was Hadid als Planetary Architecture bezeichnet: Bauten, die wie ein fremdes Objekt in einen bestehenden Kontext ein[ge]fügt werden und diesem so neue Qualität verleihen (sollen). Der planetarische Eindruck eines schwebenden Gebäudes auf dem Hongkong Peak wird erreicht durch die Fragmentierung des Bauvolumens in unverbundene freitragende Balken, die nur von feinen Säulen zusammengehalten werden und jeden Augenblick auseinanderzudriften scheinen. Das Gebäude wirkt wie die Momentaufnahme einer Bewegung.
Dies kommentieren die New Yorker übrigens ebenfalls nicht und verpassen damit die Chance, einen tieferen Einblick in ihr Schaffen und die Intention ihres Entwerfens zu gewinnen.
Zeichnungen
In den Entwürfen erzählt Hadid die Entwicklung ihres ungewöhnlichen Baus, wie er sich aus dahingleitenden Balken und Formen leicht wie ein Flugobjekt zusammenfügt. Die Architektin betont, dass die Zeichnungen und Gemälde einen wesentlichen Bestandteil ihres Entwurfsprozesses ausmachen. Im Zeichnen formen sich ihre Bauideen aus. Die ungewöhnlichen Detailansichten und Aufsichten, die unkonventionellen Schnitte und Gesamtansichten sind keine schlichten Baupläne, sondern Kunstwerke, die die Geschichten der Bauten erzählen.
Modern / Suprematist Geology
Der dynamische Charakter des Baus wird darüber hinaus wesentlich bestimmt durch einen gewagten Konstruktionsvorschlag Hadids: Der Entwurf sieht vor, das Gestein bis zum Grund auszuhöhlen, den freigelegten Granit zu polieren und in die Gesamtanlage zu integrieren. Der Bau wird in die Natur hineingesetzt, während der Berg gleichzeitig Teil der Clubanlage wird. Die Grenzen zwischen Natur und dem vom Menschen Gemachten verschwimmen.
Hadid gelingt das Meisterstück, zwar ganz massiv in die vorgefundene Umgebung einzugreifen und ein eigenständiges neues Gebilde zu schaffen, zugleich jedoch den Ort zu respektieren, ihn in seinem Charakter zu belassen und ihm zusätzlich neue Qualität zu verleihen – dies steht freilich unter dem Vorbehalt, dass der Entwurf für den Peak-Club nie realisiert wurde.
Die gegenseitige Verwiesenheit von Gebäude und Gelände als einen grundlegenden Gedanken ihres Schaffens verdeutlicht Hadid im Peak-Begleittext, in dem sie zweimal den Begriff Geologie in einer ungewöhnlichen Verbindung mit den Attributen suprematistisch und modern nennt: Ihre nach einer suprematistischen Geologie gestaltete Architektur will traditionelle Prinzipien vernichten und neue etablieren. Nach Hadid müssen die Ansätze und Projekte der modernen Architekten, die unterbrochen wurden und nicht zur Ausführung gekommen sind, wiederaufgenommen werden – und dies ganz ausdrücklich nicht im Sinne einer Wiederbelebung, sondern als Weiterentwicklung. Beispielhaft ist im Peak-Entwurf die besondere Verbindung von Gebäude und Boden – etwas, das etwa bei den Piloti-Bauten Le Corbusiers, die den Zwischenraum zwischen Stützen und Bau vernachlässigen, zum Kritikpunkt geworden ist.
Hadid setzt ihr Schaffen in Bezug zur Klassischen Moderne. Es sei jedoch erneut betont, dass Hadid keine stilistische Wiederaufnahme oder gar Wiederbelebung dieser frühen modernen Kunstströmung propagiert. Vielmehr ist die Beschäftigung mit Malewitsch und seinem Schaffen ein Einstieg, ein Denkansatz, von dem ausgehend die Architektin schnell ein eigenständiges Gestaltungsrepertoire entwickelt; die Art und Weise wie Hadid mit diesem Formenvorbild umgeht, ist es, die als „dekonstruktivistisch“ bezeichnet werden kann (das ist noch extra nachzuweisen).
Wie die anderen Architekten beschränkt auch sie sich an keiner Stelle ausschließlich auf den russischen Konstruktivi
smus; diese Bezugnahme berücksichtigen die New Yorker Ausstellungsmacher nicht. Auch geht es nicht um die Nachahmung von Vorbildern; dies wäre nicht viel mehr als oberflächliches Tortenverziere[n], eine deutliche Abgrenzung von der in den 1970er und 1980er Jahren dominierenden Postmoderne.
Ein weiteres Beispiel, wie die Architektin moderne Ideen aufnimmt und weiterentwickelt, ist ihr Diplomprojekt Malewitschs Tektonik, in dem sie sich mit dem räumlichen Schaffen Malewitschs auseinandergesetzt; die Arbeit wird im Anschluss analysiert.