Hanno Rauterberg fragt in der Zeit „Wie viel Moral braucht die Architektur?“.
Zentrales Thema sind – wieder – China und seine Prestigeprojekte, die von internationalen Architekten errichtet werden. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund der Tibet-Situation und dem Olympia-(Nicht)Boykott fordern, so der Artikel, immer mehr Architekten, nicht mehr für China zu arbeiten.
Andere wie Albert Speer jr. betonen dagegen, dass der Architekt ein „Dienstleister“ sei und tatsächlich:
„Nüchtern betrachtet, sind Architekten nichts anderes als Geschäftsleute. Sie verkaufen keine Waffen und keine Betäubungsmittel, sie handeln mit Entwürfen, wie andere mit Autos oder Schmuck handeln. Und von diesen Auto- oder Schmuckhändlern wird schließlich nicht erwartet, dass sie ihre Geschäfte mit China oder anderen Autokratien kritisch reflektieren. Warum also sollte man es von Architekten erwarten?“
Oder sollte man nicht eher von den Auto- und Schmuckhändlern AUCH erwarten, dass sie ihre Geschäfte wenn nicht moralisch, so doch kritisch reflektieren?
Architektur ist natürlich etwa anderes als Autos oder Schmuck, führt Rauterberg weiter aus, und hat andere Möglichkeiten und – sofern sie gelungen ist – andere Bedeutung für die Menschen. Sie kann natürlich dem Prestige dienen, sie kann aber auch (ganz allgemein gesprochen) Lebensraum gestalten (ein Beispiel dafür der Urban Think Tank, auf den ich noch einmal eingehen werde).
Interessanterweise werden die neuen Bauten von vielen Chinesen als „unchinesisch“ empfunden. Zur „ungeteilten Glorifizierung taugen sie nicht“, so Rauterberg.
Rauterberg wirft einige interessante Fragen dieser Problematik auf, die sich nicht einfach beantworten lassen:
„Wo beginnt das Unrecht? Wo genau wird der Architekt mitschuldig? Darf er im semidemokratischen Russland bauen? In den autokratischen Arabischen Emiraten? Und wie wäre es mit einem Staatsauftrag aus den USA, solange diese noch das Gefangenenlager in Guantánamo betreiben? Muss ein Architekt, polemisch gefragt, erst mit amnesty international telefonieren, bevor er sich an einem Wettbewerb im Ausland beteiligt? Es zeigt sich: Auch in der Architektur ist die Frage nach der Moral oft reichlich verzwickt.
Und noch eine Grenze lässt sich nur schwer bestimmen: Wann und wie wird der Architekt tatsächlich zum Handlanger und Verherrlicher? Muss er dem Diktator ein persönliches Denkmal setzen? Oder reicht es schon, für dessen Land eine Brücke oder eine Straße zu bauen?“
Noch eine abschließende Bemerkung:
Bauen in nicht-demokratischen Systemen – ohne gäbe es kein Versailles, kein Kolosseum, keine Pyramiden, weiß Rauterberg. Und damit hat er recht.
Zwar rechtfertigt das historische Argument nichts. Bloß weil ein Louis XIV. vor 400 Jahren die Möglichkeiten hatte, sein Traumschloss durchzusetzen, bedeutet das nicht, dass die Baumeister heute widerspruchslos in ähnlichen Großprojekten mitmachen können/dürfen/müssen.
Aber es setzt das Ganze in Relation – nur weil ein nicht-demokratischer Staat bauen lässt, sind die Resultate dadurch noch nicht „schlecht“. (Nach welchen Maßstäben freilich ein gelungener Bau zu beurteilen ist, ist eine andere Frage.)
Womit wir allerdings wieder am Anfang angelangt sind:
Moral in der Architektur – das ist keine architekotnische Frage, sondern eine – moralische, die sich nicht einfach mit „ja“ oder „nein“ beantworten lässt. Und die beschränkt sich nicht auf die Architektur-„Dienstleister“ allein, sondern auf alle „Dienstleister“.




