Malewitschs Architektone / Zaha Hadid

15 03 2008

Kasimir Malewitsch ist bekannt für seine Gemälde, mit denen er um 1915 den ungegenständlichen Suprematismus als eine Richtung der modernen Kunst in Russland begründet hat. Stichwort: Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915).

Russian artist Kazimir Malevich, founder of non-figurative Suprematism (c. 1915), is known for his suprematist paintings – you all know his „Black Square on White“ (1915).

malewischschwarzes-quadrat.jpg malewitschsuprem-komposition-1.jpg (Suprematist Composition, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen)

Malewitsch hat aber auch architektonische Entwürfe geschaffen. Und obwohl sich der Kern des suprematistsichen Schaffens auf die Gemälde konzentriert, nehmen auch die Architekturen eine wichtige Stelle in Malewitschs Denken ein, werden jedoch selten besprochen.

Yet, Malevich did create architectonic designs, too. And even though the suprematist art mainly focuses on paintings, the architectures also play a key role in Malevich’s thinking, but are seldom discussed.

Zaha Hadid hat sich in ihrer Diplomarbeit mit „Malevich’s Tektonik“(1976/77) befasst (mehr dazu in einem eigenen Beitrag).

Zaha Hadid thematizes „Malevich’s Tektonik“ in her graduation thesis (1976/77) (more details to follow in another article).

zaha2.jpg

Suprematistische Architektur / Suprematist Architecture

Nachdem 1917/18 die malerischen Experiment an einen vorläufigen Endpunkt gelangt sind, wendet sich das Interesse der Suprematisten der Erschließung der dritten Dimension zu: Die Architektur rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. „In meiner suprematistischen Architektur sehe ich den Anfang einer neuen Baukunst“, schreibt Malewitsch 1927.2] Sie soll anders sein, als die bisherige Architektur, die nur zweidimensional denke, die nur die Fassade gestalte, die anderen Seiten aber vernachlässige und den räumlichen Körper nicht als solchen sehe.3]

After having reached a temporary end with their painting experiments, Suprematists want to discover the third dimension: Architecture takes the centre stage. In 1927, Malevich writes „I see the beginnings of a new art of buildings in my suprematist architecture.“ [2] It is to be different from common architecture which is, according to Malevich, only decorating facades, but neglecting the other sides of the building, and does not understand spacial volumes. [3]

Interessant ist in diesem Kontext auch Malewitschs Kritik, dass „tatsächlich [...] unsere heutige Architektur ja auch durch und durch eklektisch“[4] sei und nichts Eigenes forme. Diese Position gleicht auffallend der Haltung Hadids, aber auch der anderen dekonstruktivistischen Architekten, die die eklektizistische Bauweise ihrer postmodernen Kollegen ablehnen.

It is interesting to read Malevich’s criticism that „indeed [...] our contemporary architecture is eclectic to the core“ [4] and does not create its own forms. This position reminds remarkably of Hadid’s position,and of the other deconstructivist architects who are rejecting the eclecticism f their postmodern fellows.

Malewitsch entwirft axionometrische Zeichnungen, die Planite, und räumliche Gipsmodelle, die Architektone, turmartige Körper, die in die Horizontale (frühere Modelle, Anfang der 1920er) und in die Vertikale (spätere Modelle, Ende der 1920er) ausgerichtet sind.

Malevich designs axonometric drawings, Planits, and spatial plaster models, Architectons, tower-like objects, horizontal (earlier models, beginning 1920s) and vertical (later models, late 1920s).

architekton-horizontal.jpg Alpha Architekton architekton-vertikal.jpg Gota Architekton

Nur wenige der wohl nach dem Tod des Künstlers demontierten Architektone sind in Stücken erhalten, aus denen 1978 für die Malewitsch-Ausstellung im Centre Pompidou in Paris anhand von Fotografien einige Modelle rekonstruiert wurden. Wohl auch deswegen finden sich zumal im deutschsprachigen Raum keine Monografien, die sich eigens mit den Architekturen Malewitschs befassen.

Probably dismantled after the death of the artist, only few architectons are preserved in pieces. Some models have been reconstructed on the basis of photographs for the Malevich exhibition in Centre Pompidou, Paris, in 1978. Most certainly this is a reason why there are no monographs about Malevich’s architectures (at least not in German).

Architektone

Die Grundform der Architektone ist das Quadrat bzw. der Kubus oder Quader. Zahlreiche Quader in verschiedenen Größen und Formen werden gestaffelt, ineinander geschoben, aufeinander gesetzt. Es entstehen weiße, skulpturartige Gebilde ohne Tür- und Fensteröffnungen, die ohne Verbindung zum Grund dahinzuschweben scheinen. Diese Körper sind nicht funktional, sie stehen für nichts, sie sind „Objekt für nichts, nur eine Komposition stereometrischer Figuren.“[5] Durch die Staffelung der kompakten Raumkuben und den Wechsel von senkrecht und waagerecht ausgerichteten Kuben entstehen rhythmisierte Gebilde, die schwerelos erscheinen. Durch die komplexen Abstufungen der Modellteile entsteht der Eindruck von Dynamik. Die Seiten des Architektons gehen ineinander über. Anders als in den von Malewitsch kritisierten herkömmlichen Gebäuden lassen sich jetzt die einzelnen Seiten nicht klar von einander trennen, sondern überschneiden sich.

malevich-architecton-alpha.jpg Alpha Architekton, 1925/26

Wie die Gemälde sind auch die räumlichen Modelle in die suprematistische Lehre eingebettet und sollen rein plastische Empfindungen der ungegenständlichen Welt verkörpern. Die Experimente konzentrieren sich auf die Auseinandersetzung mit den räumlichen Strukturen gemäß der Neuen Kunst, die Malewitsch umsetzen will. Sie beschäftigen sich mit Fragen zu Statik und Dynamik, zu Auflösung und Verdichtung von Gewichten.

Planite

[Still looking for illustr.]

Entsprechendes gilt auch für die Planit-Zeichnungen, die vermutlich 1923/24 parallel zu den Modellen entstanden sind. Der Begriff, eine Wortneubildung Malewitschs, ist von „planieren, schweben“ abgeleitet.[6] Sie zeigen Darstellungen, die horizontalen Architektonen ähneln. Ihre Namen weisen auf utopische Entwurfsszenarien hin: „Future Planits for Earth’s Dwellers“ oder „Future Planits for Leningrad. The Pilot’s House“.Auffallend sind die Kontraste von weißen und schwarzen, schraffierten Flächen, wie sie schon beim „Schwarzen Quadrat“ zu finden sind und denen hier wohl entsprechende Farbbedeutungen gemäß der suprematistischen Lehre zugrunde liegen. Zu Verhältnissen der Kuben zueinander lässt sich entsprechendes beobachten wie schon bei plastischen Modellen beschrieben.

Zum Begriff „Architekton“

Malewitsch äußert sich nicht direkt zur Bedeutung dieser Begriffsschöpfung. Er unterscheidet jedoch zwischen „architectonic“, der zwecklosen Bauform, und „architectural“, dem materiellen Ausdruck eines bestimmten Zwecks. Mit einem Architekton wird also nicht die materielle Konstruktion, sondern der Raum in seinen grundlegenden tektontischen Strukturen erforscht.

Der Unterschied lässt sich vielleicht mit einem Blick auf die etymologischen Bedeutungen des griechischen „techné“ in „Architektur“ nachvollziehen, da sich die beiden Begriffe nur im zweiten Wortbestandteil unterscheiden:

Archi – Tectonic / Tectural:

ρχη [arché] = „Anfang“, „Ursprung“, „Grundlage“, „das Erste“

τεχνη [techné] = „Kunst“, „Handwerk“, auch tectum aus

dem Lateinischen „Gebäude“

Während „-tectural“ mehr in die Richtung der „Technik“ weist und damit das handwerklich Gemachte betont wird, weist das „-tectonic“ auf die „Tektonik“, den inneren Aufbau eines Ganzen, seine Grundstruktur.

Diese Grundstruktur kann wiederum in zweierlei Hinsicht möglich sein: zum einen als das tatsächliche materielle Grundgerüst, das ein Gebäude hat (hier wieder das „-tectural“). Zum anderen aber das ideelle Gerüst, das gedankliche Konzept, das einem Bau zugrunde liegt.

[Die Überlegungen sind natürlich noch sprachwissenschaftlich zu fundieren.]

Vor diesem Hintergrund lässt sich Malewitschs Namenswahl „Architekton“ etwas deutlicher: Seine Raummodelle werden nicht materiell-formal konstruiert, sondern zielen auf das Erfassen räumlicher Dimensionen (gemäß der suprematistischen Lehre).

Wenn Hadid später „Malewitschs Tektonik“ zu ihrem Thema macht, dann richtet sich ihr Interesse auf die Untersuchung von tektonischen Raumstrukturen, nicht auf die suprematistische Lehre.


[2] Malewitsch zitiert nach Michijenko, Tatiana: Die suprematistische Säule. Ein Denkmal der ungegenständlichen Kunst, in: Drutt, Matthew (Hg.): Kasimir Malewitsch – Suprematismus. Deutsche Guggenheim Berlin 14. Januar 2003 – 27. April 2003 (Ausstellungskatalog), New York 2003, S. 81.

[3] Malewitsch, Kasimir: Suprematismus – Die gegenstandslose Welt, übertragen von Hans von Riesen, Köln 1962, S. 256f.

[4] Malewitsch, S. 259.

[5] Malewitsch zitiert nach Michijenko, S. 80.

[6] Hans von Riesen im Vorwort zu den von ihm übersetzten Texten Malewitschs in Malewitsch, S. 35.


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5 Antworten

1 07 2008
Karl-Heinz Bogner: Raumfolgen « deconarch

[...] die Bindung seiner dreidimensionalen Arbeiten an die Malerei. Ein wenig erinnern sie auch an die weißen Architektone Malewitschs, die ebenfalls aus Raumkuben Gebilde formen, die an Architektur erinnern, jedoch keinerlei konkrete [...]

19 07 2008
kroski.meint

Dass ich es erleben darf, dass ein WordPress-Blog den Namen Zaha Hadid anführt, lässt mich aufatmen.

Mein jüngster Blog http://abitare.wordpress.com beschäftigt sich zwar „nur“ mit den Niederungen des Möbeldesign, was meinem Interesse für Architektur aber keinen Abbruch tut…

Grüße aus Wien!

19 07 2008
Simone

Freut mich, dass jemand das zu schätzen weiß :-)!

Es wird auch noch einiges folgen zu Zaha Hadid (ist sogar schon in Vorbereitung, nur muss ich noch die Zeit finden, die Artikel fertigzustellen) – Schwerpunkt hier natürlich ihre Architektur.
Über Ergänzungen und Kommentare grade auch zu ihren Möbelentwürfen freue ich mich natürlich umso mehr!

Simone

22 09 2008
Zaha Hadid: Hongkong Peak « deconarch

[...] aufnimmt und weiterentwickelt, ist ihr Diplomprojekt Malewitschs Tektonik, in dem sie sich mit dem räumlichen Schaffen Malewitschs auseinandergesetzt; die Arbeit wird im Anschluss [...]

29 10 2008
Zaha Hadid - LF one, Weil am Rhein « deconarch

[...] sei an Malewitschs Tektonik, wo bereits der Anspruch eines wahrhaft dreidimensionalen Baus zum Ausdruck kam, der keine [...]

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